|
Der gestohlene Mond oder "Wie Simbas Bilder laufen lernten"
Nachdem Baganda Masimba eine dreiwöchige Rekonvaleszenz hinter sich hatte - er hatte während eines Agility-Turniers ein Stück seines rechten Ohres an einen ekligen Dalmatiner-Rüden verloren (ein halbmondförmiges Stück, es macht ihn durchaus interessant, aber wir hätten darauf verzichten können) - waren wir soweit, dass wir eine Erholungspause brauchen konnten. Just zu diesem Zeitpunkt erreichte uns die Email einer Bekannten aus Frankfurt. Die Requisite des Hessischen Rundfunks (HR) hätte sich an sie gewandt, da ein ca. ein Meter großer Hund für eine Filmszene gesucht werde. Bei dem "Meter" mussten wir ja erst einmal lachen, aber wir einigten uns darauf, dass die Requisteure des HR Hundelaien seien und sicher den Kopf bei der Größe mitzählen würden und dann käme das mit dem Meter schon irgendwie hin. Wir, die wir uns jetzt eigentlich eine Ruhepause nach drei Wochen Kopfverband anlegen (es gibt viele verschiedene Arten einen Kopfverband anzulegen und es halten alle nicht sonderlich gut und sonderlich lange) gönnen wollten, folgten sogleich dem Ruf der "Elektro-Post" und ließen Dagmar zwei hübsche Bilder von Simba zwecks Vorlage, zum härtesten Casting aller Zeiten, beim HR zukommen. Lange Rede kurzer Sinn, Simba bekam "die Rolle". Nun nahm der Requisiteur des HR Kontakt mit uns auf. Er erwischte uns als wir gerade auf der Autobahn unterwegs waren auf dem Handy. Natürlich war der Akku des Handys nach ca. 2 Sekunden Gespräch leer, dann gelang es nicht das andere Handy zu öffnen um die Karten zu tauschen, denn der Akku des anderen Handys hatte noch genug Saft, aber der Requisiteur nicht die Nummer. Als wir endlich wieder zu Hause waren ging die Sucherei los, wo finden wir die Nummer des HR, wie hieß der Mann doch gleich, wo können wir Dagmar jetzt erreichten, usw. usw.. Dafür, dass wir es eigentlich mal langsam angehen lassen wollten, hatten wir auf einmal eine riesen Hektik. Glücklich haben wir dann unseren Mann ausfindig gemacht und möglichst viele Informationen aus ihm rausgekitzelt (wir haben ihn wohl ziemlich gelöchert): was soll Simba genau tun, wer ist der Schauspieler, wo wird gedreht, was ist das für ein Film, was ist zu beachten, usw.? Nun waren wir etwas schlauer, aber wie sich bald herausstellen sollte wussten wir herzlich wenig. Es sollte also so sein, dass Simba einen am Boden liegenden Mann (er wurde am Abend vorher niedergeschlagen) am frühen Morgen "wachleckt". In einer weiteren Szene soll dieses "wachlecken" noch einmal frontal, d.h. aus Sicht der "beleckten" Person gefilmt werden. Die Requisite hat sich also vorgestellt, vor die Kamera eine Scheibe zu montieren, welche Simba dann ablecken soll. Mit dieser Grundinformation ging das Training und vor allem die Ideensuche los. Um Simba beizubringen, jemanden im Gesicht abzulecken haben wir gnadenlos auf seinen Hunger gesetzt. Leckerlis aus dem Mund abnehmen hat er schnell gelernt und unsere Nasen sind auch noch dran, obwohl sie nach dem ersten Versuch doch ein wenig geschmerzt haben. Mit Hilfe von BiFi's und Würstchen aus dem Glas war das auch alles kein Problem. Ein bisschen von der entsprechenden Flüssigkeit ins Gesicht geschmiert und schon kam Simba angesaust und leckte es ab. Aber ganz so einfach war das alles nun auch wieder nicht. Zum Beispiel soll der Hund ja etwas tun, was er sonst nicht darf. Und nach dem Dreh soll er sich ja auch wieder "normal" verhalten. Und mit dem Ausprobieren kamen auch immer mehr Fragen auf. Er soll ja lecken und nicht einfach etwas aus dem Mund nehmen. Wie bekommt man ihn als zu einfachem Lecken im Gesicht? Wie liegt denn eigentlich der Schauspieler? Auf dem Rücken? Auf dem Bauch? Auf der Seite? Wer ist denn der Schauspieler? Wie wird der Hund auf den Schauspieler reagieren? Was lässt der Schauspieler mit sich machen? Es ist ja nicht selbstverständlich, dass sich jemand von einem fremden Hund durch das Gesicht oder gar über den Mund lecken lässt. Und wie soll das mit dem Ablecken der Scheibe funktionieren? Kein normaler Hund leckt einfach eine saubere Scheibe ab, die nach nichts riecht und nach nichts schmeckt. Und präparieren kann man die Scheibe nicht, da man das ja sehen würde. Was haben wir nicht alles ausprobiert, z.B. ein transparentes Vanillezucker- oder Würstchensudgel hergestellt. Klar mit Leberwurst kein Problem da leckt jeder Hund eine Scheibe für ab. Aber beim Ausprobieren fiel schnell auf, dass auch das einfache Lecken Rückstände hinterlässt, die im Film absolut peinlich wären. Wie dicht kann oder muss der Hund überhaupt vor die Linse, damit die Kamera noch fokussieren kann? Wie machen die andern das? Also nächste Aufgabe: Filme gucken. Wer hat Hundefilme? Welche gibt es da so? Also Leute mit Kindern belästigt und Filme ausgeliehen: Kommissar Rex, 101 Dalmatiner, Mein Partner mit der kalten Schnauze, Ein Hund namens Beethoven, Eine Familie namens Beethoven, usw., usw.. Also nächtelang Filme geguckt. Der Termin rückte immer näher und so richtig glücklich waren wir über die Ideen der Requisite noch immer nicht und die Erkenntnisse aus den Filmen waren auch nicht berauschend, außer dass in keinem Film ein Hund eine Scheibe abgeleckt hat und wenn ein Hund einem Darsteller im Gesicht abgeleckt hat, dann so, dass er mit Sicherheit präpariert war. Die Hunde lecken immer da wo man es nicht sieht, z.B. auf der abgewandten Gesichtshälfte (Mein Partner mit der kalten Schnauze), hinter dem Ohr (101 Dalmatiner), usw.. Einige Tage vor dem Dreh haben wir uns dann noch einmal mit dem HR ausgetauscht. Dabei haben wir dann den Namen des Schauspielers erfahren "Birol Ünel". Wer das ist? Das haben wir uns auch gefragt. Auch das Internet gab nicht viel her, außer dass er schon in etlichen Nebenrollen, u.a. auch in Tatorten zu sehen war. Was uns aber beunruhigte war die Tatsache, dass es ein Türke ist. Nicht weil wir fremdenfeindlich wären oder Simba auf Ausländer abgerichtet hätten, aber wie reagiert Simba auf ihn? Wie sieht er aus? Und vor allem was hält ein Türke davon sich von einem Hund durch das Gesicht lecken zu lassen? Wie ist das mit den Würstchen? Brauchen wir Würstchen ohne Schweinefleisch? Wieder Fragen über Fragen. Fragen über die sich die Requisite keine Gedanken gemacht hatte. Aber die wichtigste Frage blieb: Was wenn Simba beim Dreh nicht mitspielt? Am 8. August war es dann soweit. Um 17:00 Uhr sollten die Dreharbeiten in Frankfurt am Römerberg beginnen. Was müssen wir alles dabei haben? U.a. Würstchen - Geflügelwürstchen und für alle Fälle BiFi; Butter; Wasser; Handtuch; Zewa; Sortiment Leinen und Halsbänder; Impfpass; Begleithundenachweis - wir sind ja in Frankfurt; und für die Szene aus Sicht des Schauspielers einen Tisch - der Pflegetisch unseres Beardies da der rutschsicher ist und fest steht (hatten wir auch in unsere Proben mit einbezogen). Hoffentlich haben wir alles. Als wir mit unserem Auto in den Fußgängerbereich des Römerberges einbiegen, sehen wir schon von weitem ein unglaubliches Aufgebot von blauen HR-Fahrzeugen. LKW, Busse, Wohnwagen, PKW. Ein Monsterscheinwerfer, bestimmt drei Stockwerke hoch, ist schon aufgebaut, welcher die morgendliche Sonne darstellen soll. Wir machen uns bekannt. Unglaublich wie viele Leute für vielleicht eine Minute fertigen Filmes beschäftigt werden. Regie, Maske, Kostüme, Kamera, Ton, Requisite bis zum anscheinend wichtigsten - die Verpflegung. Bestimmt 20-30 Leute. Kein Dreh ohne belegte Brötchen und Kaffee. Gut hatten wir den Pflegetisch dabei, so hatten wir wenigstens eine Abstellmöglichkeit für die Kaffeebecher. Nachdem die Kamerabahnen aufgebaut, das Drehbuch durchgegangen, der Boden gleichmäßig befeuchtet, für die erste Szene die Kamera ausgerichtet, und jede Menge belegte Brötchen gegessen sind, kommt auch der Schauspieler aus der Garderobe. Er stellt sich uns mit Birol und Simba mit einem Käsebrötchen vor. Simba hat sofort einen Freund gefunden. Die erste Szene wird vorbereitet, Birol nimmt seine Position am Boden ein. Jetzt erfahren wir zum ersten Mal wo Simba ihn ablecken soll. Die Wange soll es also sein. Da muss die BiFi herhalten. Also reiben wir ihm die Wange mit BiFi ein und führen Simba heran. Zu Simbas Ärger ziehen wir ihn jedoch wieder zurück nachdem er einmal lecken durfte. Die Dame von der Maske präpariert nach, dankbar dass sie wieder etwas gelernt hat, denn mit BiFi hat sie noch nie geschminkt. Bereit für den ersten Dreh. Absolute Ruhe. Kamera läuft. Wir schicken Simba los. Klappe. Simba erschreckt sich vor der Klappe und kommt zurück gelaufen. Der Adrenalinspiegel steigt. Wir schicken ihn noch einmal. Es funktioniert. Simba läuft zu dem am Boden Liegenden und leckt ihm das Gesicht ab, auf unser Zeichen kommt er wieder zurück. Kurze Kontrolle des Filmmaterials durch den Regisseur. Alles klar, die erste Szene ist gleich beim ersten Mal im Kasten. Uff, große Erleichterung. In der nächsten Szene soll der Schauspieler sich aufrichten und weggehen, dabei soll der Hund wieder ins Bild kommen und mit ihm das Bild verlassen. Diese Szene muss gleich dreimal gedreht werden, bis sie Regisseur Thomas Stiller gefällt. Weniger wegen Simba, als mehr wegen Birol's Bewegungen. Einmal soll des Aufstehen vom Boden anders aussehen, dann der Gang beim Laufen aus dem Bild. Egal Simba hat seinen Spaß, weiß er doch, dass Birol eine BiFi ein seiner Jackentasche für ihn hat. Was des einen Freud' ist bekanntlich des anderen Leid und so muss die Dame vom Kostüm immer wieder Birol's Anzug reinigen, wenn Simba ihn in seiner Euphorie angehüpft und Straßenschmutz hinterlassen hat. Jetzt die besagte Szene mit der Nahaufnahme. Gut haben wir den Tisch dabei, denn ohne wäre es für die Kamera unmöglich gewesen. Es dauert auch so lange genug, bis die Kamera und das Licht ausgerichtet sind. Nun hat die Butter ihren Einsatz. Schön in die Hände geschmiert und dann Simba ums Maul. Schlapp, Schlapp, Schlapp. Das Ganze einige Male wiederholt, der Schnitt wird hoffentlich was Passendes finden. Aber die Butter war in jedem Fall die einzige richtige Lösung. Mit Scheibe hätte es nie funktioniert. Vielleicht sieht man die Butter im Film, aber nur wenn man es weiß. Ein Problem war allerdings der Ton. In der Gasse hinter den historischen Häusern des Frankfurter Römers ist es recht laut, da die Restaurants dort ihre Küchen haben. Also gab es keine Szene ohne Geschirrgeklapper, welches natürlich nicht zur Szene passte. Mit zwei Leuten vom Ton zogen wir also in eine ruhigere Ecke um das Schlabbern noch einmal aufzunehmen (es muss für außenstehende ein sonderbares Bild abgegeben haben, wie einer den Hund hielt welcher dem anderen mit einem Handtuch über der Schulter die Hände voller Butter ableckte und daneben die Leute vom Ton mit ihrem riesigen Mikrofon) aber es war nichts zu machen. Man kann in Frankfurt nun mal abends keinen Ton aufnehmen, welcher dem des frühen Morgens gleich ist. Entweder fuhr ein Auto, flog ein Flugzeug oder Passanten grölten. Also wird wohl nachvertont werden. Mann, sind wir aber auf das Ergebnis gespannt. Damit waren wir fertig. Das Team zog zum nächsten Set weiter um dann später wieder zukommen um die Szene zu drehen, die der von eben eigentlich vorausgeht, also das Niederschlagen des Darstellers. Alles in Allem war es ein interessanter Abend, den wir so schnell nicht vergessen werden. Jede Menge netter Leute (mit Ausnahme des Regieassistenten, welcher aber nach einem Rüffel des Regisseurs verschwunden war) und interessante Begegnungen am Rande. Der Bereich zwischen Römer und Schirn ist nun mal recht belebt und so versammelten sich bald viele Schaulustige für die der Hund natürlich am interessantesten war. So galt es viele Fragen zu beantworten. Ein Amerikaner war überzeugt, dass Simba der Hauptdarsteller des Filmes sein müsse, was uns natürlich unheimlich stolz machte. |